Ungarisch-jüdische Zwangsarbeit im Gau Groß-Wien 1944/45

Nach der Besetzung Ungarns durch NS-Deutschland im März 1944 wurden ungarische Jüdinnen und Juden in mehreren Gruppen zur Zwangsarbeit in das Deutsche Reich, vornehmlich auf das Territorium des heutigen Österreich verschleppt. Angesichts des gegen Ende des Krieges herrschenden Arbeitskräftemangels sollte auf Betreiben der Gauleiter ein Teil der seit April 1944 in Ghettos gepferchten ungarischen Jüdinnen und Juden zur Zwangsarbeit in die Gaue Groß-Wien und Niederdonau verbracht werden. Bereits Anfang Juni 1944 langten so die ersten ungarischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in Ostösterreich ein. Dieser Zwangsarbeitseinsatz kannte unterschiedliche Formen, hinter denen unterschiedliche Interessen standen. Die Deportierten waren dabei zum Teil über das KZ Mauthausen und seine Nebenlager in das SS-Lagersystem integriert, zum Teil wurden sie über Abkommen zwischen Ungarn, der eigens eingerichteten Wiener Außenstelle des in Ungarn tätigen Sondereinsatzkommandos Eichmann und den Gauarbeitsämtern zur Zwangsarbeit in Industrie-, landwirtschaftlichen und gewerblichen Betrieben sowie in Rüstungsbetrieben eingesetzt. Gemeinsam waren den verschiedenen Formen des Zwangsarbeitseinsatzes, dass die Deportierten nicht in Konzentrationslager interniert waren, sondern auf kleinere Wohnlager oder auf forst- und landwirtschaftlichen Güter verteilt wurden. Wenn auch von SS oder Gestapo bewacht, blieben sie der örtlichen Zivilbevölkerung nicht verborgen.

Im Sommer 1944 versuchte Reichsführer der SS Heinrich Himmler, nicht zuletzt wegen der sich abzeichnenden Kriegsniederlage, mit den Westmächten in Sachen eines Separatfriedens ins Gespräch zu kommen und signalisierte seine Bereitschaft, Juden freikaufen zu lassen. Etwa 15.000 Jüdinnen und Juden aus Südostungarn wurden in der Folge nicht nach Auschwitz, sondern nach Strasshof an der Nordbahn deportiert. Diese Menschen sollten so lange in Wien und Niederdonau als Zwangsarbeiter tätig sein, bis die Verhandlungen mit den Westalliierten erfolgreich abgeschlossen waren. Im Falle eines Scheiterns der Verhandlungen drohte aber auch ihnen die Ermordung.

Die Deportierten der Strasshofer Transporte waren somit einerseits Zwangsarbeit-Leistende in der Landwirtschaft, dem Gewerbe und der Industrie, andererseits Faustpfand für die Verhandlungen der SS, die bereits ihre Positionen für die Nachkriegszeit und den drohenden Kriegsverbrecherverfahren zu verbessern versuchte.

Diese Zwischenlage schlug sich auch in den Lebens- und Arbeitsbedingungen der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter nieder. In Strasshof fanden keine Selektionen statt, es gab kein Konzentrationslager. Die Arbeitsfähigen wurden vielmehr zusammen mit ihren Familienangehörigen an Arbeitgeber in Wien und Niederdonau "verliehen". Diese stellten – in der Regel vollkommen unzureichende – Unterkünfte und Verpflegung gemäß den vorgeschriebenen Hungerrationen zur Verfügung. Die "Löhne" für die Arbeit wurden von den Betrieben – nach Abzug der Kosten für die Familienangehörigen – auf ein Konto des Wiener Außenkommandos Ungarn der SS überwiesen.

In Wien waren die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter zum Teil in überbelegte, sanitär zumindest akzeptable Wohnlager der Gemeinde untergebracht, von wo sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln an ihre Einsatzplätze gebracht wurden. Die Wiener Bevölkerung war so unmittelbar mit der Lage der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, ihrem Leid und ihren Entbehrungen konfrontiert. Vor allem Kindern wurde oft Essen zugesteckt. Das Außenkommando gestattete zudem jüdischen Hilfsorganisationen, Schuhe und Kleidung an die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter zu verteilen. Zumindest in Wien bestand eine, von jüdischen Ärzten und Hilfspersonal getragene Gesundheitsversorgung, weshalb die Zahl der Opfer während des Arbeitseinsatzes relativ niedrig blieb. Trotz der geringfügigen Privilegien litten alle Deportierten dieser Gruppe unter Hunger und Entbehrungen.

Im Frühling 1945, mit dem Herannahen der Front wurden die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter zum Teil nach Theresienstadt "evakuiert", zum Teil in Gewaltmärschen in Richtung Mauthausen getrieben. Entlang der Marschroute kam es zu zahlreichen Massakern, so in in Hofamt-Prihl, Mikulov, Weißenbach und Scheibbs. Da sowohl Mauthausen als auch das provisorische Zeltlager vor dem KZ bei der Ankunft bereits überfüllt waren, mussten viele der überlebenden Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter den Todesmarsch nach Gunskirchen mitmachen, dessen Opferzahl auf etwa 6.000 Personen geschätzt wird.

Mehr als 26.000 der etwa 55.000 ungarischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, die im Frühsommer und Herbst 1944 nach Ostösterreich verschleppt worden waren, überlebten diese Zeit nicht.